Schenksolz

liegt umgeben von Höhenzügen in der reizvollen Lage des Solztales. Mit seinen 35 Einwohnern wurde Schenksolz im Jahre 1312 unter der Bezeichnung „Schenken Sulza“ erstmals erwähnt. Und zwar in einem Protokoll vom 16. Oktober des Jahres über ein Zeugenverhör in einer Streitigkeit zwischen der Hersfelder Probstei Petersberg und den Herren von Buchenau. Weitere Namen für den Ort waren: 1313 „Picerne (Schenk) Sulza“ sowie 1495 „Schenksultz“.
1585 lebte in Schenksolz nur eine Familie, 1639 schon 4 Familien und 1747 bereits 5 Familien. 1826 lebten auf 6 Gehöften 29 Menschen. 1895 wurden 45 Einwohner und 1939 wurden 40 Einwohner gezählt.
Durch Schenksolz fließt ein Bach: die „Solz“ Im Ort befinden sich einige Brunnen, woraus die Einwohner in früheren Zeiten das benötigte Wasser nahmen.


Mühle in Schenksolz, die Solzmühle 1984
In der Zeitschrift „Knüll-Gebirgsbote“ von 1984 findet sich ein längerer Artikel über einige Mühlen im Solztal, den Hermann Braune aus Niederaula verfasst hat. Über die Mühle in Schenksolz schreibt er Folgendes:
„Auch ihr Besitzer weiß interessante Dinge. Zunächst scheint er etwas resigniert. Er meint „Ja, 1950, das war noch goldene Müllerzeit …“ Doch dann kamen die Mähdrescher auf, das Getreide wurde feuchter als früher angeliefert und es enthielt mehr Unkrautsamen, alles Probleme, mit denen ein so kleiner Betrieb nicht fertig werden konnte. Dazu kam, dass die Bauern ihr Getreide ab Feld an die Großmühlen abgaben und dass die Bäcker kein Sackmehl mehr abnahmen, sondern Siloware wollten. Zug der Zeit: mehr, einfacher, schneller.
Noch 1966 war eine Turbine eingebaut worden, um mithalten zu können. Sie war aber technisch unvollkommen und der Betrieb wurde noch unrentabler. Er wurde 1970 eingestellt. Heute lebt der ehemalige Müller noch als Rentner hier, auch hier sind die Kinder in die Stadt gezogen und die Gebäude stehen ungenutzt. Dabei fallen diese Gebäude auf: da steht seitlich ein mehrstöckiger Fachwerkbau mit Fenstern und reicher Stuckverzierung in den Gefachen (gleiches, romantisch verfallend, an der Mühle selbst).
Das war so: Die Solzmühle hatte einst bei zwei Wasserrädern mehrere Werke, nämlich ein Schlagwerk für Raps und Leinöl, ein Getreide-Mahlwerk und schließlich ein „Schlomm“-Werk für die Wollkämmerei, das einzige weitum. Und so kamen die Kunden mit ihrer rohen Schur teils von weit her, um ihre Wolle „kämmen“, d.h. reinigen zu lassen. Das dauerte oft einige Tage und deshalb wurde ein „Gasthaus“ gebraucht, eben der stolze Fachwerkbau. Die Stuckverzierungen weisen auf einstigen Reichtum hin, die Geschäfte gingen also damals gut.
Und was ist geworden?“

Als der Ami kam …

Das Kriegsende 1945 in Schenksolz Von Minna Grebe, Schenklengsfeld-Schenksolz

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin und des Landfrauenvereins Landecker Amt e.V., aus: Deef eß daer Boenn, Tief ist der Brunnen der Vergangenheit …, hrsg. vom Landfrauenverein Landecker Amt e.V., Schenklengsfeld im März 2005, S. 210 ff. Übertragen aus dem Landecker Dialekt von Karl Honikel. Mit den nachfolgenden Erinnerungen von Frau Minna Grebe, geb. Wenzel, aus Schenksolz lassen sich die Ereignisse zum Kriegsende im Landecker Amt um ein weiteres interessantes Kapitel ergänzen. Wie bekannt, kamen die amerikanischen Truppen am Karfreitag, 30. März 1945, von Bodes über Erdmannrode und rückten abends zwischen 19 und 20 Uhr in Wüstfeld ein. Von hier gingen die Kampfverbände über Konrode nach Schenklengsfeld und Schenksolz, wo sie spätabends in der Dunkelheit das Dorf besetzten.

Karwoche
Schönes Wetter hatten wir in der Osterwoche. Die Felder waren abgetrocknet und das Wetter war so richtig zum Hafersäen. Vater und Mutter diskutierten und fragten sich, ob die Aussaat in dieser Zeit, wo die Front jeden Tag näherkam, überhaupt noch einen Zweck hätte. Schließlich konnte man nicht wissen, ob sich die Frucht jemals ernten ließe. Da fiel ihnen jedoch der Ausspruch von Luther ein: „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der Hafer wurde gesät und – wie man weiß – auch geerntet. Einbußen bei der Ernte gab es dort, wo die Panzer quer über die Felder gewühlt sind und tiefe Gräben hinterlassen hatten. Da ist „kein Kraut mehr gewachsen“. In dieser Woche gab es auch Osterferien. Das sollten die längsten Ferien werden, die es je gegeben hat.

Gründonnerstag
Es war Gründonnerstag. Meine Freundinnen haben im Garten gespielt. Papa und Mama sprangen ständig vom Wohnhaus zum Bienenstockhäuschen, um Sachen zu verstecken, die sie in der Schürze oder unter der Jacke trugen. Aus Richtung Malkomes war ein unaufhörliches Gebrumm zu hören. Ein Mann, der von Hersfeld kam, erzählte, dass die deutsche Wehrmacht von der West- zur Ostfront auf der Autobahn unterwegs sei. Aus der anderen Richtung hörte man von weitem schwere dumpfe Schläge.

Panzersperre
Am Morgen waren die „kampfuntauglichen Männer“ (Angehörige des Volkssturms) vom Landecker Amt noch damit beschäftigt, die Panzersperre fertig zu stellen. Die haben sie am „Roawe-Graben“ mit dicken Fichtenstämmen und einem Meter tiefen Graben davor gebaut (Rabengraben am Ortsausgang nach Malkomes, beim Mühlberg). Meine Mutter, die von Leuten aus Unterweisenborn gehört hatte, dass die Amerikaner schon in Fulda wären, ist gleich zu den Männern an die Panzersperre gelaufen, um ihnen die schlimme Neuigkeit mitzuteilen. Da hat man ihr aber gedroht: „Wenn du nicht sofort still bist, dann kriegste was auf‘s Maul.“

Karfreitag, der 30.3.1945
Ununterbrochen hörte man jetzt das Schießen. Siebzig russische Gefangene vom Kalischacht Hattorf, die auf dem Hofgut Bingartes für die Frühjahrsbestellung eingesetzt werden sollten, wurden von Hersfeld wieder zurückgeschickt und kamen am Nachmittag hier an, um zu übernachten. „Das geht nicht! Hier gibt es nur acht Häuser!“ sagte unser Bürgermeister. Doch einer der drei Wachtmeister antwortete ganz ernsthaft: „Wir gehen keinen Schritt mehr! Wenn Sie uns nicht aufnehmen, überlassen wir Sie den Russen!“ Das war für alle ein Schock! Die Einwohner wurden zusammengerufen, um die Situation zu beraten. Einigen Frauen (Evakuierte aus dem Rheinland und dem Saarland) meinten: „Erst mal satt machen!“ Sie wussten, was Hunger bedeutete. Jeder Haushalt hat dann ganz schnell einen Topf mit Kartoffeln gekocht, die Bauern sogar ganze Dampfkessel voll. Und wer Kühe im Stall hatte, ging sofort zum Melken. Milch und Kartoffeln wurden zu Kochs Feldscheune gebracht, wo schon ein Lager aus Heu und Stroh bereitstand. Die Dorfleute haben sich sehr angestrengt, die Russen satt zu bekommen.

Amerikaner oder Russen
Das Schießen und das Rattern von Panzern hörte man nun ständig und ganz nah aus Richtung Wüstfeld. Was wird wohl auf uns zukommen? Sind das nun amerikanische oder russische Kampftruppen? „Lieber Gott, lass nicht die Russen kommen“, haben wir alle gebetet. Die größte Sorge galt unserer 14-jährigen Schwester. Von Flüchtlingen aus dem Osten hörte man, dass sie jedes junge Mädchen, das sie in die Hände kriegten, vergewaltigen würden. Die Luise wurde mit einer alten Arbeitstracht der Großmutter und mit Asche „alt“ gemacht. Unser Simon und Kochs Peter, zwei französische Kriegsgefangene, die hier in der Landwirtschaft dienstverpflichtet waren, sagten, dass an jedem Haus ein weißes Bettuch aus dem Fenster hängen sollte. Sie haben dann selbst ein Bettuch an eine Stange gebunden und sind dem Panzergebrumm in Richtung Wüstfeld entgegen gegangen. Doch vorher haben sie noch davor gewarnt, die Panzersperre zu schließen, denn sonst würde das ganze Dorf beschossen. Die Zwei wussten Bescheid, weil sie heimlich Radio gehört hatten. Gegen 10 Uhr abends standen die ersten Soldaten bei uns in der Küche. Draußen war alles von Scheinwerfern hell erleuchtet. Im Hof standen Militärautos und die Straße war voll mit Panzern. Gott-sei-Dank, es sind Amerikaner und keine Russen. Was mir als Kind auffiel, waren die hohen Schnürstiefel und ein Pik-Ass-Zeichen am Helm. Die Soldaten waren so groß, dass sie die Köpfe einziehen mussten, um nicht an die Küchendecke zu stoßen.

Wo ist Pistol?
Noch kurz vor den Amerikanern kamen zwei deutsche Offiziere aus dem Wald am Mühlberg hierher, um sich zu erkundigen. Sie hatten den sinnlosen Widerstand aufgegeben und die Kompanie aufgelöst. Die Mutter, die am Morgen Brot und Kuchen gebacken hatte, hat den beiden Essen vorgesetzt und wollte sie verstecken. Sie haben aber abgewehrt und gesagt: „Um Gottes Willen, dann sind Sie dran!“ Die Zwei waren noch beim Essen, als die amerikanischen Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag zur Tür hereinkamen. Die Offiziere wurden gleich gefangen genommen. Einer hatte allerdings keine Waffen bei sich, denn er hatte sie unterwegs weggeworfen. Nun wurde er ständig gefragt: „Wo ist Pistol? – Wo ist Pistol?“ Die Amis waren aufgeregt und haben in allen Ecken gesucht, doch die Pistole war nicht zu finden. Aber wo war Simon? Endlich kam er herein und hat die Amis beruhigt. Er war in der Zwischenzeit bei Cramers und Quillons gewesen – jede Familie hatte vier Kinder – um ihnen Beistand zu leisten. Die zwei deutschen Offiziere wurden abgeführt, draußen bekam einer mit dem Gewehrkolben noch einen Schlag ins Kreuz. Auch die drei Wachmänner wurden gefangen genommen. Unser Simon hat dann mit den Amerikanern verhandelt, damit sie die 70 Russen in Schach hielten. Und schon bekamen wir Einquartierung. Unsere Nachbarschaft, die Wirtsleute und zwei Flüchtlingsfamilien – das jüngste Kind lag noch in der Wiege – mussten sofort das Haus verlassen. Sie standen nun auf der Straße neben den Panzern. Unser Vater hat sie mit in unser Haus genommen. Die Amis hatten für sich das größte und schönste Haus ausgesucht. Zwanzig Leute mussten in dieser Nacht in unserem kleinen Haus übernachten. Onkel, Tante und Kusine eingeschlossen, die aus Schlesien geflüchtet waren und seit Januar bei uns wohnten.

Ostersamstag
Die Kampftruppen waren mit den Panzern weitergezogen und die Besatzungstruppen kamen hinterher. Bei uns im Hof wurden die Militärautos repariert. Die Eltern haben sich aufgeregt, als die Amis die wollenen Kuhdecken aus der Scheune holten und sie als Unterlage für ihre Autoreparatur in den schmierigen Hof legten. Die schönen Decken waren nachher voller Öl und so kaputt; dass die Mutter von den vier Stück nur noch zwei zusammenflicken konnte. Zu kaufen gab es ja keine mehr. Gefährlich wurde es, als die Amis in der Scheune neben den Strohballen eine Feuerstelle anlegten, um sich aufzuwärmen und das Essen zu kochen. Meine Großmutter ist dann draußen geblieben, sie ließ sich nicht wegjagen und hat das Feuer ständig im Auge behalten. Gegen Mittag schleppte Simon drei tote Enten an, er hatte sie im Wasser der Solz gefunden. Die Amis hatten die zwei Legeenten und den Enterich als Zielscheibe benutzt. Die Familie Quillon aus dem Rheinland hat sich gefreut, als ihr der Simon eine Ente brachte.

Ostern
Die 70 Russen wurden – auf Veranlassung von Simon auf dem Mühlrasen von den amerikanischen Soldaten zusammengehalten und bewacht. Im Gastraum hatten die Amis viele Kisten mit der Aufschrift „Wehrmachtsgut“ gefunden. Neben Bettzeug, Rosenthal-Porzellan und vielen anderen Sachen war auch Schnaps in den Kisten. Mit dem Schnaps haben die Amis die Russen versorgt; die waren dann auch gleich besoffen und ein paar von ihnen sind in den Mühlgraben gestürzt. Später wurden die Russen mit Lastwagen abtransportiert. Am Ostermontag hatten wir noch mal richtig Angst, als viele Panzer wieder ins Dorf kamen. Wir mussten alle in den ersten Stock der Häuser, und die Amis haben sich in der untersten Etage verschanzt. Ein paar Leute haben sich noch im Bunker am Kesselberg versteckt. Was war denn los? Im nahen Wald sollte noch eine SS-Truppe liegen. Die Panzer sind in Stellung gegangen und schon begann eine wilde Schießerei der Panzer und der Maschinengewehre in Richtung Mühlberg. Es kam aber – Gott sei Dank – kein Gegenfeuer vom Mühlberg. Wie man weiß, wurde die Kompanie schon am Karfreitag aufgelöst. Später hat man dort haufenweise Fahrräder mit aufgeschlitzten Reifen, zerschlagene Gewehre und Feldspaten gefunden. Nach dieser Schießerei haben die Amerikaner in den Häusern erstmal was Richtiges gekocht. Die Zutaten und die Getränke haben sie in den Kellern gefunden (Kartoffeln, Eingemachtes usw.) Am Nachmittag durften die Leute dann wieder in ihre „aufgeräumten“ Küchen.

Diese Haus ist mein!“
An einem der nächsten Tage kam abends ein hoher Offizier mit Begleitung ins Dorf und schaute sich die Häuser an. Als er das schöne Haus der Gastwirtschaft Schneider sah, sagte er: „Diese Haus ist mein!“ Und wieder mussten die Leute aus dem Haus raus und bei den Nachbarn unterkommen. Eine Schreibstube und eine Pass-Stelle wurden eingerichtet.

Jeder Einwohner wurde verhört und befragt nach Mitgliedschaft in der Partei, der Hitler-Jugend und der SS. Er bekam dann einen Registrierschein (Pass) mit Fingerabdruck. Den musste man immer bei sich haben.

Das schönste und größte Haus hatten die US_Soldaten in Schenksolz zu ihrem Quartier gemacht. Es ist das Haus, in dem sich über mehrere Generationen die Gastwirtschaft Schneider befand, die in den 1960er Jahren geschlossen wurde.