Schenksolz

In einem idyllisch schönen Teil des Solztales, kurz bevor der Motzbach in die Solz mündet, liegt das kleine, heute 42 Einwohner zählende Dorf Schenksolz.
Die Geschichte unseres Ortes begann sicher nicht erst vor 700 Jahren, sondern viele Jahrhunderte früher. Der Name Soltza, Sultza, Sultz-aha bedeutet „Salzwasser“. An einem solchen Wasser konnte man reichlich Forellen und Krebse fangen, und schon in germanischer Zeit (etwa seit dem Jahre 400 nach Christus) lässt sich hier eine kleine Ansiedlung vermuten, in der zunächst sicher eine einfache Handmühle und spätestens seit der Zeit um 1200 eine Wassermühle betrieben wurde.
Da in so früher Zeit aber noch niemand lesen und schreiben konnte, müssen wir erst einen weiten Schritt gehen, bis wir endlich im Jahre 1312, 1313 und 1314 mit drei Urkunden ins helle Licht der Geschichte gerückt werden. Das verdanken wir dem Kloster Hersfeld und seinem Abt, die uns auch zu dem Wort „Schenk“ in unserem Namen verholfen haben.

Vorweg einige geschichtliche Anmerkungen zu dieser Zeit:
Eine Mühle und vier Bauernhöfe, so gehörten wir jahrhundertelang zu Schenklengsfeld. Dieses wiederum gehörte seit etwa 800 zum Kloster Hersfeld und erst seit 1648 dem Landgrafen von Hessen. Da zur Reichsabtei Hersfeld auch Burgen, Klöster und Land bis weit nach Thüringen hinein gehörten, konnte der Abt nicht ständig von Hersfeld aus die Verwaltung seiner weit verstreuten Ländereien übernehmen.
Also entstand zwangsläufig eine Schicht begüterter Dienstmannen, die sich dem Abt zur Verfügung stellten. Sie wurden zu adligen Rittern geschlagen und für ihre Dienste mit Land und den darauf lebenden Menschen reichlich belohnt. Im Mittelalter nannte man das „mit Land und Leuten belehnt werden“. Die Adligen von Mansbach, von Trümbach, von Borscha, von Buchenau, die rings um uns wohnten, waren solche adligen Ritter, quasi eine Zwischeninstanz zwischen dem Kloster und den Bauern.

So hatte der Abt um das Jahr 1140 einem Johann von Lengefeld das Amt des „Schenken“ übertragen und für diese Zwecke die Burg Landeck erbaut. Das Wort „Schenk“ kommt ursprünglich von Mundschenk. Es war anfangs ein Ehrenamt am Tisch des Abtes, um ihm den Wein zu reichen. Können wir uns vorstellen, wie der Abt mit einigen Konventsleuten an einem Gerichtstag unter die Linde geritten kam? Er wohnte im eigens für
ihn erbauten „kleinen Schlösselein“ neben der Linde (beim heutigen „Gasthaus Geheb“) und dort in der „Lollsstube“ bewirtete ihn sein Mund-Schenk von Lengsfeld mit weiteren Dienstmannen.

Aber wichtiger wurde das Amt als Verwaltungsamt für das gesamte Landecker Amt: der Schenk wachte über die Zolleinnahmen der unter der Burg durchziehenden Kaufleute und über die Fronarbeit sowie Zinsabgaben der Bauern. Er war aber auch Gerichtsherr über niedere Vergehen wie Raub und Diebstahl und saß mit seinen gewählten Schöffen unter der alten Linde in Lengsfeld zu Gericht. Diese Schöffen kamen aus den einzelnen Dörfern: über Generationen gehörte auch ein Müller aus Schenksolz als „Kirchenältester und Gerichtsschöffe“ dazu. Nur die Höhere Gerichtsbarkeit (Halsgerichtsbarkeit) über Leben und Tod behielt sich der Abt vor: der Galgen zwischen Oberlengsfeld und Lengsfeld war weithin sichtbar.
Warum bekamen wir nun das „Schenk“ in unseren Namen?

Es ist erstens denkbar, dass unser Ort Soltza zur Unterscheidung von dem Soltza gleichen Namens, nämlich den Sölzer Höfen, die zum Kloster Petersberg gehörten, in dieser Zeit in „Schenkinsultza“ umbenannt wurde. Es macht aber zweitens auch den Besitzanspruch des Schenken auf der Burg Landeck deutlich: dieser kleine Ort gehört zu den Landeckern und nicht etwa nach Petersberg oder später zu Friedewald. Jedenfalls wird er in drei Urkunden, die Anfang des 14. Jahrhunderts vorliegen, deutlich mit „Schenksolz“ (und in Latein: „Sultza pincerne“) benannt.

Der Kinderspielplatz wurde noch von der ehemals selbstständigen Gemeinde Schenksolz im Jahre 1971 angelegt. Als Umzäunung diente ein Jägerzaun, der erst in 2010 durch einen Lattenzaun ersetzt wurde. Zur Erstausstattung gehörten die große Schaukel, der Drehpilz und die Wippe. Diese Geräte wurden selbst gebaut und aufgestellt.. Dazugekauft wurde ein Karussell und eine Rutsche. Der Sandkasten mußte der Schutzhütte weichen.

spielplatz

Als der Ami kam …

Das Kriegsende 1945 in Schenksolz

Von Minna Grebe, Schenklengsfeld-Schenksolz Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin und des Landfrauenvereins Landecker Amt e.V., aus: Deef eß daer Boenn, Tief ist der Brunnen der Vergangenheit …, hrsg. vom Landfrauenverein Landecker Amt e.V., Schenklengsfeld im März 2005, S. 210 ff. Übertragen aus dem Landecker Dialekt von Karl Honikel.

Mit den nachfolgenden Erinnerungen von Frau Minna Grebe, geb. Wenzel, aus Schenksolz lassen sich die Ereignisse zum Kriegsende im Landecker Amt um ein weiteres interessantes Kapitel ergänzen. Wie bekannt, kamen die amerikanischen Truppen am Karfreitag, 30. März 1945, von Bodes über Erdmannrode und rückten abends zwischen 19 und 20 Uhr in Wüstfeld ein. Von hier gingen die Kampfverbände über Konrode nach Schenklengsfeld und Schenksolz, wo sie spätabends in der Dunkelheit das Dorf besetzten.

Karwoche

Schönes Wetter hatten wir in der Osterwoche. Die Felder waren abgetrocknet und das Wetter war so richtig zum Hafersäen. Vater und Muter diskutierten und fragten sich, ob die Aussaat in dieser Zeit, wo die Front jeden Tag näherkam, überhaupt noch einen Zweck hätte. Schließlich konnte man nicht wissen, ob sich die Frucht jemals ernten ließe. Da fiel ihnen jedoch der Ausspruch von Luther ein: „Wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Der Hafer wurde gesät und – wie man weiß – auch geerntet. Einbußen bei der Ernte gab es dort, wo die Panzer quer über die Felder gewühlt sind und tiefe Gräben hinterlassen hatten. Da ist „kein Kraut mehr gewachsen“. In dieser Woche gab es auch Osterferien. Das sollten die längsten Ferien werden, die es je gegeben hat.

Gründonnerstag

Es war Gründonnerstag. Meine Freundinnen haben im Garten gespielt. Papa und Mama sprangen ständig vom Wohnhaus zum Bienenstockhäuschen, um Sachen zu verstecken, die sie in der Schürze

oder unter der Jacke trugen. Aus Richtung Malkomes war ein unaufhörliches Gebrumm zu hören. Ein Mann, der von Hersfeld kam, erzählte, dass die deutsche Wehrmacht von der West- zur Ostfront auf der Autobahn unterwegs sei. Aus der anderen Richtung hörte man von weitem schwere dumpfe Schläge.

Panzersperre

Am Morgen waren die „kampfuntauglichen Männer“ (Angehörige des Volkssturms) vom Landecker Amt noch damit beschäftigt, die Panzersperre fertig zu stellen. Die haben sie am „Roawe-Graben“ mit dicken Fichtenstämmen und einem Meter tiefen Graben davor gebaut (Rabengraben am Ortsausgang nach Malkomes, beim Mühlberg). Meine Mutter, die von Leuten aus Unterweisenborn gehört hatte, dass die Amerikaner schon in Fulda wären, ist gleich zu den Männern an die Panzersperre gelaufen, um ihnen die schlimme Neuigkeit mitzuteilen. Da hat man ihr aber gedroht: „Wenn du nicht sofort still bist, dann kriegste was auf‘s Maul.“

Karfreitag, der 30.3.1945

Ununterbrochen hörte man jetzt das Schießen. Siebzig russische Gefangene vom Kalischacht Hattorf, die auf dem Hofgut Bingartes für die Frühjahrsbestellung eingesetzt werden sollten, wurden von Hersfeld wieder zurückgeschickt und kamen am Nachmittag hier an, um zu übernachten. „Das geht nicht! Hier gibt es nur acht Häuser!“ sagte unser Bürgermeister. Doch einer der drei Wachtmeister antwortete ganz ernsthaft: „Wir gehen keinen Schritt mehr! Wenn Sie uns nicht aufnehmen, überlassen wir Sie den Russen!“ Das war für alle ein Schock! Die Einwohner wurden zusammengerufen, um die Situation zu beraten. Einigen Frauen (Evakuierte aus dem Rheinland und dem Saarland) meinten: „Erst mal satt machen!“ Sie wussten, was Hunger bedeutete. Jeder Haushalt hat dann ganz schnell einen Topf mit Kartoffeln gekocht, die Bauern sogar ganze Dampfkessel voll. Und wer Kühe im Stall hatte, ging sofort zum Melken. Milch und Kartoffeln wurden zu Kochs Feldscheune gebracht, wo schon ein Lager aus Heu und Stroh bereitstand. Die Dorfleute haben sich sehr angestrengt, die Russen satt zu bekommen.

Amerikaner oder Russen

Das Schießen und das Rattern von Panzern hörte man nun ständig und ganz nah aus Richtung Wüstfeld. Was wird wohl auf uns zukommen?

Sind da nun amerikanische oder russische Kampftruppen? „Lieber Gott, lass nicht die Russen kommen“, haben wir alle gebetet. Die größte Sorge galt unserer 14-jährigen Schwester. Von Flüchtlingen aus dem Osten hörte man, dass sie jedes junge Mädchen, das sie in die Hände kriegten, vergewaltigen würden. Die Luise wurde mit einer alten Arbeitstracht der Großmutter und mit Asche „alt“ gemacht. Unser Simon und Kochs Peter, zwei französische Kriegsgefangene, die hier in der Landwirtschaft dienstverpflichtet waren, sagten, dass an jedem Haus ein weißes Bettuch aus dem Fenster hängen sollte. Sie haben dann selbst ein Betttuch an eine Stange gebunden und sind dem Panzergebrumm in Richtung Wüstfeld entgegengegangen. Doch vorher haben sie noch davor gewarnt, die Panzersperre zu schließen, denn sonst würde das ganze Dorf beschossen. Die Zwei wussten Bescheid, weil sie heimlich Radio gehört hatten. Gegen 10 Uhr abends standen die ersten Soldaten bei uns in der Küche. Draußen war alles von Scheinwerfern hell erleuchtet. Im Hof standen Militärautos und die Straße war voll mit Panzern. Gott-sei-Dank, es sind Amerikaner und keine Russen. Was mir als Kind auffiel, waren die hohen Schnürstiefel und ein Pik-Ass-Zeichen am Helm. Die Soldaten waren so groß, dass sie die Köpfe einziehen mussten, um nicht an die Küchendecke zu stoßen.

Wo ist Pistol? Noch kurz vor den Amerikanern kamen zwei deutsche Offiziere aus dem Wald am Mühlberg hierher, um sich zu erkundigen. Sie hatten den sinnlosen Widerstand aufgegeben und die Kompanie aufgelöst. Die Mutter, die am Morgen Brot und Kuchen gebacken hatte, hat den beiden Essen vorgesetzt und wollte sie verstecken. Sie haben aber abgewehrt und gesagt: „Um Gottes Willen, dann sind Sie dran!“ Die Zwei waren noch beim Essen, als die amerikanischen Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag zur Tür hereinkamen. Die Offiziere wurden gleich gefangen genommen. Einer hatte allerdings keine Waffen bei sich, denn er hatte sie unterwegs weggeworfen. Nun wurde er ständig gefragt: „Wo ist Pistol? – Wo ist Pistol?“ Die Amis waren aufgeregt und haben in allen Ecken gesucht, doch die Pistole war nicht zu finden. Aber wo war Simon? Endlich kam er herein und hat die Amis beruhigt. Er war in der Zwischenzeit bei Cramers und Quillons gewesen – jede Familie hatte vier Kinder – um ihnen Beistand zu leisten. Die zwei deutschen Offiziere wurden abgeführt, draußen bekam einer mit dem Gewehrkolben noch einen Schlag ins Kreuz. Auch die drei Wachmänner wurden gefangen genommen.

Unser Simon hat dann mit den Amerikanern verhandelt, damit sie die 70 Russen in Schach hielten. Und schon bekamen wir Einquartierung. Unsere Nachbarschaft, die Wirtsleute und zwei Flüchtlingsfamilien – das jüngste Kind lag noch in der Wiege – mussten sofort das Haus verlassen. Sie standen nun auf der Straße neben den Panzern. Unser Vater hat sie mit in unser Haus genommen. Die Amis hatten für sich das größte und schönste Haus ausgesucht. Zwanzig Leute mussten in dieser Nacht in unserem kleinen Haus übernachten. Onkel, Tante und Kusine eingeschlossen, die aus Schlesien geflüchtet waren und seit Januar bei uns wohnten.

Ostersamstag

Die Kampftruppen waren mit den Panzern weitergezogen und die Besatzungstruppen kamen hinterher. Bei uns im Hof wurden die Militärautos repariert. Die Eltern haben sich aufgeregt, als die Amis die wollenen Kuhdecken aus der Scheune holten und sie als Unterlage für ihre Autoreparatur in den schmierigen Hof legten. Die schönen Decken waren nachher voller Öl und so kaputt; dass die Mutter von den vier Stück nur noch zwei zusammenflicken konnte. Zu kaufen gab es ja keine mehr. Gefährlich wurde es, als die Amis in der Scheune neben den Strohballen eine Feuerstelle anlegten, um sich aufzuwärmen und das Essen zu kochen. Meine Großmutter ist dann draußen geblieben, sie ließ sich nicht wegjagen und hat das Feuer ständig im Auge behalten. Gegen Mittag schleppte Simon drei tote Enten an, er hatte sie im Wasser der Solz gefunden. Die Amis hatten die zwei Legeenten und den Enterich als Zielscheibe benutzt. Die Familie Quillon aus dem Rheinland hat sich gefreut, als ihr der Simon eine Ente brachte.

Ostern

Die 70 Russen wurden – auf Veranlassung von Simon auf dem Mühlrasen von den amerikanischen Soldaten zusammengehalten und bewacht. Im Gastraum hatten die Amis viele Kisten mit der Aufschrift „Wehrmachtsgut“ gefunden. Neben Bettzeug, Rosenthal-Porzellan und vielen anderen Sachen war auch Schnaps in den Kisten. Mit dem Schnaps haben die Amis die Russen versorgt; die waren dann auch gleich besoffen und ein paar von ihnen sind in den Mühlgraben gestürzt. Später wurden die Russen mit Lastwagen abtransportiert. Am Ostermontag hatten wir noch mal richtig Angst, als viele Panzer wieder ins Dorf kamen. Wir mussten alle in den ersten Stock der Häuser, und die Amis haben sich in der untersten Etage verschanzt. Ein paar Leute haben sich noch im Bunker am Kesselberg versteckt. Was war denn los? Im nahen Wald sollte noch eine SS-Truppe liegen. Die Panzer sind in Stellung gegangen und schon begann eine wilde Schießerei der Panzer und der Maschinengewehre in Richtung Mühlberg. Es kam aber – Gott sei Dank – kein Gegenfeuer vom Mühlberg. Wie man weiß, wurde die Kompanie schon am Karfreitag aufgelöst. Später hat man dort haufenweise Fahrräder mit aufgeschlitzten Reifen, zerschlagene Gewehre und Feldspaten gefunden. Nach dieser Schießerei haben die Amerikaner in den Häusern erstmal was Richtiges gekocht. Die Zutaten und die Getränke haben sie in den Kellern gefunden (Kartoffeln, Eingemachtes usw.) Am Nachmittag durften die Leute dann wieder in ihre „aufgeräumten“ Küchen.

Diese Haus ist mein!“ An einem der nächsten Tage kam abends ein hoher Offizier mit Begleitung ins Dorf und schaute sich die Häuser an. Als er das schildschöne Haus der Gastwirtschaft Schneider sah, sagte er: „Diese Haus ist mein!“ Und wieder mussten die Leute aus dem Haus raus und bei den Nachbarn unterkommen.

Jeder Einwohner wurde verhört und befragt nach Mitgliedschaft in der Partei, der Hitler-Jugend und der SS. Er bekam dann einen Registrierschein (Pass) mit Fingerabdruck. Den musste man immer bei sich haben.

Das schönste und größte Haus hatten die US_Soldaten in Schenksolz zu ihrem Quartier gemacht. Es ist das Haus, in dem sich über mehrere Generationen die Gastwirtschaft Schneider befand, die in den 1960er Jahren geschlossen wurde.

haus