schenklengsfeld.info 1000-jÀhrige Linde | schenklengsfeld.info

Linde

Kurt Tucholsky sagte ĂŒber alte BĂ€ume:
„Ein alter Baum ist ein StĂŒckchen Leben. Er beruhigt. Er erinnert. Er setzt das sinnlos herauf geschraubte Tempo herab, mit dem man unter großem Geklapper am Ort bleibt. Und diese alten BĂ€ume sollen dahingehen, sie, die nicht von heute auf morgen nachwachsen? Die man nicht „nachliefern“ kann?“
Ja man muss sich auch immer vor Augen fĂŒhren das einen alten Baum der Mensch nicht ersetzen kann. HĂ€user oder Schlösser lassen sich rekonstruieren. Einen Baum kann man nicht wieder aufbauen.

Unsere Linde (auch Schenklengsfelder Dorflinde oder Riesenlinde genannt) ist der vielleicht Ă€lteste Baum in Deutschland. Die Sommerlinde (Tilia platyphyllos) steht in Schenklengsfeld, etwa zehn Kilometer sĂŒdöstlich von Bad Hersfeld im osthessischen Landkreis Hersfeld-Rotenburg. Unter der Linde wurde mehrere Jahrhunderte lang Gericht gehalten. Bei ihr war auch ein Pranger fĂŒr den Strafvollzug aufgebaut.
Koordinaten: 50° 490 90 N, 9° 500 410 O


Standort
Die Linde steht auf etwa 318 Meter Höhe ĂŒber NN auf dem Marktplatz von Schenklengsfeld, das auf einer fruchtbaren Hochebene zwischen dem Seulingswald im Norden und dem Hessischen Kegelspiel im SĂŒden liegt. Der Marktplatz ist leicht nach SĂŒden geneigt und etwa 30 mal 60 Meter groß. Er ist heute komplett gepflastert. Die Linde selbst ist von einer etwa 50 Zentimeter hohen Steinmauer umgeben. Ein BalkengerĂŒst trĂ€gt seit mindestens 1900 die Äste der Linde. Zum Innenraum hin hat die Mauer mehrere DurchgĂ€nge. Dahinter befindet sich der Sankt-Georg-Brunnen.

Beschreibung
Die Linde besteht aus vier einzelnen Teilen, die jeweils fĂŒr sich als BĂ€ume erscheinen. Innerhalb der vier Teile, die einem gemeinsamen Wurzelstock entstammen, befindet sich eine grĂ¶ĂŸere, durch Steine erhöhte und mit einem Lattenzaun umgrenzte FreiflĂ€che von etwa sechs Quadratmetern. Da auch vier einzelne BĂ€ume dazu neigen, zu einem gemeinsamen Wurzelstock zusammenzuwachsen, wenn sie nur nahe genug beieinander stehen, ist noch unbewiesen, ob sich die Linde ursprĂŒnglich aus einem Stamm entwickelt hat, der spĂ€ter geborsten ist. Auch heute noch zeigen die Stammteile Wachstum, so dass sich die Distanz zwischen den Teilen jĂ€hrlich ein StĂŒck vergrĂ¶ĂŸert. Der Wahrheitsgehalt der Legende, die Linde sei vor langer Zeit durch einen Blitzeinschlag geteilt worden, ist allerdings zweifelhaft. Zu einem Zeitpunkt, als der Stamm noch aus einem StĂŒck bestand, sollen auf den HauptĂ€sten Balken und Dielen gelege haben, die als Tanzpodium dienten.
Die Krone der Linde wird durch waagerecht verlaufende HauptĂ€ste gebildet. Diese werden von einem etwa 65 Meter langen GerĂŒst gestĂŒtzt, das auf insgesamt mehr als 80 Balken ruht. Ein paar Äste wachsen im Zentrum der Krone normal in die Höhe. Die ungewöhnliche Wuchsform der waagerechten HauptĂ€ste wurde dadurch erzielt, dass die Krone in die Breite geleitet und damit das Höhenwachstum gemindert wurde.
Bei einer Höhe von etwa zehn Metern weist die Krone einen Durchmesser von fast 25 Metern auf.
Ob die Leitung der Äste zur Gewinnung von Bast diente, wie das bei anderen Tanzlinden beurkundet ist, ist nicht bekannt. Bei diesem Verfahren wurden die jungen, senkrechten Triebe der geleiteten Linde zur Gewinnung von Bast fĂŒr Veredelungen in der Apfelzucht abgeschnitten. Damit die Zweige stets in ausreichender Menge geerntet werden konnten, wurden sie nach unten gebogen und in dieser Position fixiert. Dadurch bildeten sich die charakteristischen querstrebenden Äste.

Umfang des Stammes
Die Messung des Stammumfanges gestaltet sich schwierig, da der Stamm aus vier einzelnen, voneinander getrennten Teilen besteht. Man misst um die vier Teile des Stammes herum, die jeweils etwa drei Meter Umfang haben. Dabei wird der fehlende Zwischenraum nicht berĂŒcksichtigt. In einem Meter Höhe betrĂ€gt der Stammumfang, gemessen auf diese Weise, 17,91 Meter. An der Stelle seines geringsten Durchmessers hat der Stamm einen Umfang von 17,80 Metern. Die Linde weist damit den grĂ¶ĂŸten Umfang eines Baumes in Deutschland auf. Eine Messung von Hartwig Goerss im Jahre 1978 ergab in 0,5 Meter Höhe einen Umfang von 17,40 Metern.

Alter
Über das Alter der Linde gibt es verschiedene Angaben. Auf einem Stein, der sich im Zentrum der vier Stammteile befindet, steht „Gepflanzt im Jahre 760“. Dieses Datum ist identisch mit dem des Kapellenbaus. Danach wĂ€re die Linde heute annĂ€hernd 1250 Jahre alt. Von wem und wann der Stein angebracht wurde, ist nicht ĂŒberliefert.
In der ARD-Sendung Deutschlands Ă€lteste BĂ€ume am 23. April 2007 wurde die Linde von Stefan KĂŒhn vom Deutschen Baumarchiv mit wahrscheinlich 1000 Jahren oder mehr als Ă€ltester Baum in Deutschland vorgestellt. Hans Joachim Fröhlich gab 1990 ebenfalls ein Alter von ĂŒber 1000 und Anette Lenzing 2005 von 1200 bis 1300 Jahren an. In der neuesten Literatur, Deutschlands alte BĂ€ume, wird das Alter der Linde mit 600 bis 1000 Jahren angegeben. Die MinimaleinschĂ€tzung von 600 Jahren stammt dabei von Bernd Ullrich, die 1000 Jahre aus Unterlagen des Deutschen Baumarchivs.

Der Ritter St. Georg wurde von den Bewohnern des Ortes Lengsfeld zum Schutzheiligen erhoben und ihm zu Ehren wurde eine Kapelle gebaut. Hiermit dĂŒrfte das Anpflanzen der Linde verbunden gewesen sein und das bezeichnete Alter derselben wĂ€re sonach eher höher als niedriger. Der Überlieferung nach ist sie frĂŒher ein starker Baum gewesen, welcher durch einen Blitzschlag in vier Teile geborsten sein soll. In dieser Form sehen wir sie heute noch.

Das Histörchen erzĂ€hlt sich ganz gut, ist aber wenig glaubhaft. Sieht man einen Baum, den der Blitz getroffen hat, so ist nicht anzunehmen, dass der Blitz so regelrecht gespalten haben soll, der Riese wĂ€re sicher nicht so glimpflich davongekommen. Wohl ist anzunehmen, dass die Äste des ungeheuren Baumes, die, wie bei jedem alten Lindenbaum, fast waagerecht gewachsen, wegen ihrer eigenen Schwere schon zur Zeit, als der Baum noch gesunder, vielleicht vor Jahrhunderten, durch ein GebĂ€lk unterstĂŒtzt waren. Der Kern des Baumes ist nach und nach verfault, was jedoch auf die Äste, da sie anderweitig gestĂŒtzt waren, nicht mehr nachteilig einwirkte, besonders, da sie ihre Nahrung aus der Rinde des Stammes sogen. Der Umfang der vier Teile des Stammes betrĂ€gt etwa 18 m, der Hohlraum zwischen desselben betrĂ€gt etwa 9 qm. Der Umfang des auf einem GerĂŒst von ungefĂ€hr 80 Balken liegenden GeĂ€stes betrĂ€gt ungefĂ€hr 110 m.

Eine Mauer von einem Meter Höhe umrahmt das umfangreiche GerĂŒst.
Die grĂŒnende und alljĂ€hrlich in voller BlĂŒte stehende Linde ist der Schmuck der ganzen Umgebung, und zahlreiche Fremde lenken alljĂ€hrlich ihre Schritte dorthin, um dieses wohl einzigartige Naturdenkmal zu bewundern. Sie ist ĂŒbrigens ein beliebter Spielplatz fĂŒr die Jugend. Die frĂŒher so beliebten KletterĂŒbungen auf den Ästen derselben und das Abschneiden von Ästen zu Pfeilen und Schalmeien, ebenso das AbpflĂŒcken der BlĂŒte sind streng untersagt worden. In frĂŒheren Zeiten fanden unter der Linde die RĂŒgegerichte und auch die JahrmĂ€rkte statt, außerdem wurden damals, wie auch heute noch, unter dem herrlichen Lindendache TanzvergnĂŒgungen abgehalten (... im jĂ€hrlichen Wechsel das "LindenblĂŒtenfest" und der "Abend unter der Linde"). Die oben erwĂ€hnten RĂŒgegerichte wurden von der Gemeindevertretung abgehalten und hatten den Zweck, die Feldfrevler zu verurteilen. Diese MissetĂ€ter wurden, je nachdem der Fall leicht oder schwer war, an den Pranger gestellt, das heißt sie wurden an einem unter der Linde angebrachten Pfahl (Löngestock), an welchem sich ein Schließeisen befand, eine oder mehrere Stunden, oft auch einen ganzen Tag, angeschlossen.

Diese Gerichte haben sich bis in die 1950er Jahre des vorvorigen Jahrhunderts
erhalten. Alte Leute wissen noch davon zu erzĂ€hlen. Ein AktenstĂŒck ĂŒber die RĂŒgegerichte befindet sich im Archiv zu Marburg. Im 17. Jahrhundert sind mit der Regierung in Kassel Verhandlungen ĂŒber das RĂŒgegerichtswesen gepflogen worden. Die RĂŒgegerichte wurden von Karl dem Großen eingefĂŒhrt. Im Jahre 1930 wurde die Linde neu eingefasst und gestĂŒtzt.

Abend unter der Linde

Den ersten Abend unter der Linde, so der erste Vorsitzende des Heimatvereins, Karl Honikel, gab es gegen Ende der 50er Jahre. Angeregt wurde die Feier vom damaligen Vorsitzenden Heinrich Strack.
Es entwickelte sich daraus das „LindenblĂŒtenfest“, das zunĂ€chst auf dem Platz an der Linde stattfand. Als es beliebter wurde und schließlich mit einem Umzug durch das Dorf gefeiert wurde, haben mehrere Ortsvereine, unter Leitung des Heimatvereins, die TrĂ€gerschaft ĂŒbernommen. In den 70ern begann die TVG (Trachten- und Volkstanzgruppe) Schenklengsfeld, unter der Leitung von Brigitte Ruppel und Werner Henkel internationale Trachtenfeste zu organisieren.
Oftmals mit Trachten- und Volkstanzgruppen aus verschiedenen LĂ€ndern. Schon bald hatten die Feste einen so großen Rahmen, dass sie nicht mehr auf dem Platz an der Linde durchgefĂŒhrt werden konnten. Nun feierte man, im Wechsel von zwei Jahren, das „LindenblĂŒtenfest“ der Ortsvereine und das internationale „Trachten- und Volkstanztreffen“ der TVG.
Beide Feste mussten schließlich, außerhalb der Dorfmitte, auf freien PlĂ€tzen abgehalten werden. So auch einige Jahre auf dem Parkplatz an der Gesamtschule. Schon bald fanden am Fest-Sonntag UmzĂŒge durch das Dorf, mit ĂŒber 50 Motivwagen und -gruppen, sowie einigen Musik- und SpielmannszĂŒgen, statt. Begleitet wurden diese beliebten Veranstaltungen im großen Festzelt von Disco, Heimatabend am Samstag und Ausklang am Montagabend bei unterhaltsamer Musik und deftigem Essen.
Warum es Mitte der 90er Jahre zu einem RĂŒckgang der Besucherzahlen kam, ist nicht bekannt. Jedenfalls fanden die Feste nicht mehr statt und es wurde nach einem Ersatz gesucht. Inzwischen wird, unter Regie der Ortsvereine, das „LindenblĂŒtenfest“ in einem etwas kleineren Rahmen an der Linde gefeiert. Es wechselt jĂ€hrlich mit dem „Abend unter der Linde“, den der Heimatverein gestaltet und durchfĂŒhrt.

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